Rasterfahndung

Oder wollt ihr den totalen Lehrer?
Das stoische Ideal der Gelassenheit, dem ich gemeinhin anhänge, aufrechtzuerhalten in der scharrenden Aufgeregtheit schulischen Alltags ist ein Stück Lebenskunst, das ich mit Müh und Not hinbringe, nicht ohne Abstriche zu machen, intellektueller und entwicklungspsychologischer Natur. So ist es mir unmöglich geworden, mich vollständig zu auszubilden, meinem Alter gemäß zu agieren, mich erwachsenen Interessen zuzuwenden, etwas sammeln oder kluge Bücher lesen, oder so. Das Alter perlt an mir ab wie Regen an einer frisch imprägnierten Goretex-Funktionsjacke. Ja ich entdecke vermehrt Züge von retardierender Jugendlichkeit, die jene meiner Schüler alt aussehen lässt. Im Klassenzimmer bin ich noch immer der Pubertärste von allen. Kindisch, cool und systemfremd. Diese Eigenschaften haben die Zöglinge verloren, sie wirken greis in ihren jungen Körpern. Alle schauen sie gleich aus, tragen gleiche Kleidung und sind alle gleich besorgt um ihr Ach und Weh. Und ihr Fortkommen. Hin und wieder macht auch einer einen Witz. Oder einer schwätzt in der letzten Reihe. Das kommt vor. Im Klassenzimmer bin ich in mit meinem wiederständigen Herz ganz allein. Dass man Sartre nicht kennt, ok. Weiß man nicht, was eine Kommune ist, dann nicht mehr. Fehlen Begriffe, fehlen Erfahrungswirklichkeiten, sagt mein juveniles Gemüt. Das innere Ticktack des jugendlichen Blutes ist nicht dem Experiment verbunden, eher der Schablone, dem Raster, dem rechten Weg, dem Zweigespann, dem Häuschenglück und hin und wieder einem kleinen Lüstchen nebenbei. Das Ganze ist nichts, wovon man eine Vorstellung hat, es zu transzendieren, keine Lust. So meine Diagnose im Auf und Ab im Kathederraum, und dies ohne Groll und Hader. Wurscht ist mir das alles geworden, die Wurstigkeit als fröhliche Wissenschaft, im Modus gleichgültigen Beimirseins begegne ich den Manierismen des schulischen Alltags mit einem schiefen Mund, einer herausgestreckten Zunge und einem spöttischen Lächeln. In meine Umlaufbahn dringt keine Schulreform, das Ziehen und Zerren am Detail, die permanente Unruhe des kleinen Schrittes. Vor, zurück. Und rundherum. Wurscht.
Hin und wieder besuche ich Seminare. Der Fortbildung wegen. Zuletzt jenes mit dem Titel: „Aufgabenstellung in Deutsch und Beurteilung mit dem Raster“. Ein ansprechender Titel, der sofort Lust macht, von dem man sich was erwarten kann, dachte ich. Der Raster, von dem hier die Rede ist, hatte in der letzten Zeit in Deutschlehrerkreisen für Aufregung gesorgt, hatte hier und dort Verzweiflung ausgelöst und für ausufernde Diskussionen gesorgt. Etwas also, das ins Schulleben Abwechslung bringen konnte, etwas Lebendiges, dachte ich und wählte demgemäß. Raster, schon das Wort ist schön. Man denkt an Rasten, Ausrasten vielleicht. Beides schöne Beschäftigungen. Zum Lehrberuf passend. Wobei Ausrasten wieder doppeldeutig ist, aber in beiden Fällen zum Lehrerdasein passt. Ich hatte das Wort in seiner ersten Bedeutung im Sinne, als ich zum Seminar fuhr, bald in der Früh, verschlafen, in der Hoffnung, mich weiter dem glücklichen Gedämpftsein hingeben zu können, vielleicht Vorschläge zu bekommen, wie man noch besser und effektiver das mühsame Korrekturlesen bewältigen könne, Joga für den eifrigen Korrektor, Entspannungstechniken für Rotstiftberufe, ein effizientes Raster, das viel Zeit erspart und die Anstreicharbeit aufs Allernötigste reduziert. Aber. Weit gefehlt, weit. Ganz weit. Ich war am Ausrasten, diesmal aber im zweiten Sinn des Wortes. Das mit Herzrasen, Blutdruck, glühenden Augen und dem Bedürfnis, jemanden in den Unterleib zu treten, egal wen. Der Raster nämlich, der von mir völlig missverstanden so prominent im Seminartitel aufschien, ist ein monströses A3 Blatt, eng bedruckt und zum Häkchen machen gedacht. Ein semantisches Netz, in dem der Schüleraufsatz zappeln sollte wie ein frisch gefangener Fisch, japsend, bis ihm die Luft ausgeht. Eine strenge Kammer des Schreckens, ein linguistischer Überwachungsstaat, der jede schriftliche Regung protokolliert und einer zu Tode qualifiziert. „Das Wesentliche überwiegend erfüllt“, „grammatikalisch in hohem Maße korrekt“, „Ansätze zur Eigenständigkeit“ und so. Formulierungen wie Stacheldrahtzäune, aufgerüstet, zum Abschuss bereit. Schülertexte im bürokratischen Würgegriff. 146 Ankreuzungen hat der Korrektor vorzunehmen, um den Text in die Knie zu zwingen. Jeder popelige Schülertext wird zum Ernstfall erhoben und mit 146 Kreuzen zu Grabe getragen. Die Kreuze müssen mal an der richtigen Stelle gemacht werden. Damit dann auch die richtige Note rauskommt. Die Korrektur einer Maturaarbeit wird wohl in Zukunft 90 Minuten in Anspruch nehmen, dämmerte es mir. Was bei einer nicht unüblichen Klassengröße von 30 Schülern 45 Stunden bedeuten würde. Neben dem normalen Leben, essen, trinken und so. Schlafen. Und Ausrasten. Der Raster, das war mir jetzt klar geworden, war ganz etwas anderes, als er semantisch versprochen hatte. Sein komplettes Gegenteil nämlich. Mehrarbeit, pausenloses, ernsthaftes Korrigieren. Eine Woche Amphetamine, Antidepressiva und Ankreuzen. Und das alles zur Pflicht erhoben. Jeder künftigen Deutsch-Maturaarbeit muss dieser Raster beigelegt werden. Und den Schularbeiten zuvor am besten auch, zur Übung, Einstimmung, als Hobby.
Mittlerweile hat sich meine Aufregung ein wenig gelegt. Dem Erfindungsreichtum pragmatischer Zugänge geschuldet. Man kann nämlich, so wurde von mehrfacher Seite versichert, die Idee des Rasters aushebeln, ohne ihn vollständig zu verwerfen. Man könne den Raster simulieren, so tun, als ob man ihn verwenden würde, in Wirklichkeit aber genauso korrigieren wie bisher. Das heißt den prognostizierten Zeitaufwand drastisch zu reduzieren und ungefähr auf denselben kommen wie bisher. Was nicht unwichtig ist für ein entspanntes Weiterleben. Man liest die Schülerarbeit durch, bildet sich innerlich ein Urteil, vergibt also eine Note, und kreuzt in der Gewissheit der Richtigkeit des geschätzten Ersturteils die entsprechenden Kreuzchen im Nachhinein an. Das heißt, man verwendet den Raster, ohne ihn zu verwenden. Eine Dialektik, für die die Schule generell berühmt ist. Die Anpassung der Notwendigkeit an die Möglichkeit.
In der Philosophiestunde über Sartre und die Pariser Kommune hatte ich dann, neben dem Vortäuschen von Unterricht, Zeit nochmal über den Raster nachzudenken. So was kommt ja nicht aus dem Nichts, um mit Sartre zu sprechen, dessen Hauptwerk, das Sein und das Nichts ich gerade skizzenhaft vor der Klasse zusammenfasste. Gibt es Paradigmensprünge im Zeitgeist, die in Formularen sinnfällig werden? Ist ein Formular wirklich so harmlos, wie es tut? Stecken dahinter nicht Bewusstseinsformationen größeren Ausmaßes, stillschweigende Abmachungen über das, was wie sein soll, mentale Befindlichkeiten, Modi des Lebendigen? Auffassungen über Sicherheit, Kontrolle, Freiheit, Angemessenheit der Mittel, Pflichterfüllung. Der Raster, das war mir mit Sartre ganz offenkundig geworden, verhandelt existenzielle Fragen. Dass er mir aufgenötigt wurde, zum Beispiel. Das ist eine glatte Aufforderung zur freiwilligen Mehrarbeit, einer noch dazu, die an die Substanz geht. Schülertexte zu lesen ist schon eine Zumutung, die kaum auszuhalten ist, operieren sie doch immer unter dem eigenen Niveau. Und ständig unterfordert zu werden, ist eine Überforderung, die man auf Dauer nicht aushält. Und dann die Kreuzchenorgie, das Heucheln von Objektivität, das Proben des Schülertextes als Ernstfall. Der bittere Ernst eines grimmigen Kreuzes, ein Kreuzzug gegen den widerspenstigen, nicht auf Linie gebrachten, normabweichenden Schülertext. Keine Experimente, die totale Vermessung, der totale Lehrer. Hält man den Raster gegen das Licht, blickt einen die grimmige Fratze des Zeitgeistes entgegen, der Wahn des abgesicherten Lebens, der Kontrollfreak ist zum Regelfall geworden. Die Zwangsneurose der bleiche Geist der Zeit.
Vielleicht wäre es an der Zeit mit Camus fortzufahren, mit der Idee des Absurden und Sisypos, dem glücklichen Menschen.

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