Madame Klingeling

Im April des Jahres 1986 hatte sich in einer größeren Stadt im nördlichen Teil des Landes ein für diese Jahreszeit überaus heftiges Gewitter gebildet. Die Wolken, schwarze Fäuste, schatteten den Tag ab. An den Rändern glomm es gelb auf. Wo der Himmel den Boden traf, spritzten Funken. Ein „Grmmm“ rollte heran, blieb auf halbem Wege stecken und verebbte als schmales Zitat. Noch war unklar, in welche Richtung das Unwetter ziehen würde, noch spuckte der Himmel andernorts dicke Tropfen zu Boden, bogen sich Bäume im Sturm. Als diensteifrige Vorhut tanzte schon eine kleine Windhose über das Betriebsgelände des Voest-Alpine-Konzerns, schlich sich an den Kontrollorgangen der Werkspolizei vorbei, schraubte sich bei den Hochöfen hoch, stürzte in die riesigen Hallen des Kaltwalzwerkes, nahm wieder Fahrt auf und raste auf den Hafen zu. Dort, wo die Erzschlepper aus der Ukraine vertäut waren, blies sie die frisch entflammte Zigarette und einen Fluch des Vorarbeiters Stipo S. aus dessen Maul und unterbrach in dieser Weise das Geschäft, das Stipo gerade im Begriffe war, abzuschließen. „Verdammte Scheiße“ flog über den Vorplatz , wurde weiter getragen als unter normalen Windverhältnissen üblich und schlich sich so ans Ohr des Werksmeisters Schmiedinger, der von weitem den Geschäften des Stipo S. argwöhnisch zugesehen hatte. Während der Wind weiterzog, lenkte Schmiedinger seinen Schritt dem verdächtigen Vorarbeiter entgegen. Die Windhose stieg wieder höher, auf die Kräne zu, die im Hafen das Erz aus den Schleppern baggerten, verfing sich kurzzeitig im Gestänge der mächtigen Hebel, wischte dann über die aufgetürmten Erzberge und nahm etwas rötlichen Staub auf, ukrainischen Erzstaub, und schnaubte nun blass rötlich weiter. Weit hinauf, fast unsichtbar, dann aber wieder in einer Fallbewegung auf die Verwaltungsgebäude hinunter. Dort, schon etwas matt, spielte er mit trockenem Laub im Vorhof des Verwaltungsgebäudes 2 und schlüpfte dann in das offene Fenster im dritten Stock. Hier zerrte er am bedenklich knappen Röckchen der Kalenderdame April , die hinter dem Schreibtisch des Planimeters Johannes D. die Wand beschmückte, ließ dann ab von ihr, stürzte sich auf die am Schreibtisch aufgestapelte Familienbilder und klappte eines nach dem anderen um. Johannes D. hielt seine Hände schützend über die Diagramme, die er gerade im Begriffe war mit dem empfindlichen Gerät zu bearbeiten. Ein leichtes Zupfen am Rand des Bogens war das einzige, was der Wind gegen das Rettungsmanöver auszurichten im Stande war. Der Wind fand sein Ende am üppigen Körper der Frau Elfriede P. Als leiser Hauch schlich er sich ins einladende Dekolleté derselben und löste dort eine Gänsehaut und eine Erinnerung aus, die jene Dame sieben Jahre zurückreisen ließ in eine laue Nacht. Der Blick, den D. auf ihren Busen warf, entging ihr diesmal, war sie doch zeit- und ortsversetzt, gedanklich ganz wo anders. Ein letzter Lufthauch stieg empor und verebbte als leiser Klingelton an den Ohrringen von Elfriede. „Klingeling“. „Verdammte Scheiße“ polterte D. für sein Naturell viel zu heftig, wischte den Staub vom Papier und schloss das Fenster, meinte aber mit seinem derben Spruch gar nicht so sehr die durch den Wind provozierten Verhältnisse, sondern vielmehr das Klingeling seines Gegenübers. „Madame Klingeling“, man nannte sie so wegen ihres Getöses. Waren es nicht die Ohrringe, die ein sanftes Geräusch von sich gaben, dann waren es ihre Armreifen, ihre Kettchen und Broschen, mit denen sie sich akustisch Bedeutung verschaffte. Sie war dem Metall verfallen, vielmehr dem Geräusch, das sie ihm entlockte. Die Reize, die von ihr ausgingen, waren akustischer Natur. Ein hell klingendes Glöckchen, ein zartes Klimpern, ein leiser Anschlag. Das wusste D. nicht, der die Stirn in Falten legte, kaum hörte er sie tönen. D. wusste überhaupt nichts über sie, er begnügte sich mit der Vermessung ihrer äußeren Verhältnisse, fand auch Wohlgefallen daran, meinte, sie wäre eine hübsche Person. So oder so ähnlich. Er fand, dass ihr das Klingeln nicht stand. Es störte ihn bei seiner Arbeit, die viel Konzentration verlangte, viel Stille und ein scharfes Auge. Er konnte dabei keine Geräusche brauchen, keinen Lufthauch, der Dinge in Bewegung und in Schwingung brachte. Der Planimeter war ein stilles Instrument, die Hebel, die Rollen liefen geräuschlos. Es brauchte einige Übung und viele Jahre Routine, um das Gerät so handhaben zu können, wie D. es tat. Er hatte sich gewehrt gegen die Zuteilung der Neunen, ihr Geklimper bringe ihn aus dem Konzept, hat er gesagt. Er arbeite am besten alleine und als Lehrmeister sei er untauglich. Genutzt hat sein Protest nichts, die Neue kam, zwei Wochen schon saß sie ihm gegenüber, sah ihm auf die Finger und seine Stirn schlug Falten. Natürlich hätte er ihr vom Zauber der Planimetrie erzählen können, von der mathematischen Methode, Linien in Flächen zu verwandeln, Flächen in Körper. Von der exakten Führung des Geräts, auf die es ankomme, um überhaupt einen brauchbaren Wert zu bekommen, ist doch die Planimetrie grundsätzlich ein Annäherungsverfahren, ein Schätzwertspiel, das mit Unschärfen zurande kommen muss. Aber er unterließ es, verhielt sich mürrisch und abweisend, duckte sich über seine Pläne. „Können Sie mir…“, weiter war sie nicht gekommen. Das Satzfragment zerschellte an den Falten, die seine Stirn zog, kaum war es aus ihrem Mund gesprungen. Das Klingeling ihrer Ohrringe klang traurig. Fast war es ihm unangenehm, sie so abgewiesen zu haben. Aber er blieb dabei. Er beobachtete sie heimlich, wenn sie sich hilflos mit dem Gerät abmühte, die Zunge rausstreckte, es war ihr Zeichen höchster Spannung, und falsche Zahlenwerte das Ergebnis waren. Dann riss er ihr den Plan aus der Hand, fuhr mit sicheren Bewegungen dem Diagramm nach und überreichte ihr stumm das korrekte Ergebnis. Natürlich hatte er jetzt doppelte Arbeit, wie befürchtet. Keine ihrer Pläne waren exakt vermessen, kein Ergebnis konnte man als zufriedenstellend bezeichnen. Die Abweichungen waren gravierend. Er fand sie schlampig, sie musste ein schlampiges Leben führen, eines, das keinen Plan hatte, das von den hellen Tönen bestimmt war, eines, das billige Unterhaltung suchte. Das meinte er aus ihren Geräuschen erkennen zu können. Zu Mittag in der Kantine fragten ihn die Kollegen, wie sie so wäre. Er zuckte mit den Achseln. „Sieht gut aus, die Klingeling“, witzelte er. Das war dann ein großes Gelächter. „Klingeling“. „Aber für die Planimetrie ist sie unbrauchbar“, machte er einen Punkt.
„Madame Klingeling“, so hatte sie Pedro genannt. Pedro, Pedro, Pedro. Was für ein klangvoller Name. Jetzt noch, immer noch. Von Pedro hatte sie alles. Obwohl es nur zwei Wochen waren, 13 verdammt kurze Tage. Pedro kam wie ein Wind über sie, wild, stürmisch, zu kurz. Pe dro, das klang wie ein Rettungswagen, der eilig ihrem Notruf folgte. Ein Doppeltonhorn, eine Sirene. Mit sechzehn war sie von Zuhause abgehauen, über Nacht. „Weg“. Es war nicht anders möglich. „Weg“. Mit einem einzigen Wort schnitt sie die Vergangenheit von der Zukunft ab. „Weg“, ist ein gutes Wort, dachte sie, während sie den Rucksack stopfte, das geklaute Geld und den Reisepass an sich nahm. „Weg, weg, weg.“, sprach sie sich Mut zu. Am nächsten Abend schon war sie in Marseille. Sie hatte Glück gehabt, die Lastwagenfahrer, die sie mitnahmen, waren nur einsam, aber nicht zu sehr. „Machs gut, Kleine“, ließ sie der letzte raus in der Nähe des Strandes. Und da war Pedro auch schon. Nicht sofort, aber kurz nachdem sie ihren Schlafsack ausgerollt hatte, setzte er sich zu ihr. Begrüßte sie kurz mit einem erfreuten „Hi“ und blieb die ganze Nacht.
Ihr Vater nannte sie immer „…“. Unwichtig. Als sie noch ein kleines Kind war, schon damals. Oder „mein süßes Mädchen“, „Pferdeschwänzchen“, „Zuckerpüppchen“. Nie bei ihrem Namen. „Hörst du den Wind?“, sagte er und drückte sie fest an sich. „Brauchst keine Angst zu haben“. Und sie hatte keine Angst, zu stark war der Arm um sie geschlungen, zu sehr stachen die Stacheln seines Bartes an ihren Wangen, als dass sie nicht sicher sein konnte, unverwundbar zu sein. An den Armen ihres Vaters zerbrach die Welt, mochte sie noch so schauerliche Geräusche von sich geben.
Pedro hatte ein wenig was von ihrem Vater, dachte sie. Die starken Arme, den Bart. Auch er sparte nicht mit neuen Namen für sie, während er die Linien ihres Körpers recherchierte. Während er ihren Körper vermaß, mit den Fingern am Fleisch. Dreizehn Tage lang dauerten die Vermessungsarbeiten, dreizehn Tage lang war ihr Körper in seinen Händen, seinem Mund. Sie fühlte sich wie ein Lutschbonbon, etwas, das schmolz und süß nach unten rutschte. Pedro war zwanzig, einer, der viel herumreiste, gelegentlich einen Job annahm und wieder weiterzog. Das verrieten ihr seine Hände, er trommelte Geschichten über ihn auf ihre Haut. Zum Sprechen war keine Zeit. Keine Zeit für das Rundherum, das Meer und die Luft. Statt dem Mond war Pedro aufgegangen und schien die ganze Nacht, am Tag schob er sich vor die Sonne, gab ihr Schatten. Und überhaupt hatte sie von den zwei Wochen nichts gesehen außer Pedro in Nahaufnahme, Teile von ihm. Hände, die an ihr herumhantierten, sie auf den Rücken legten, auf den Bauch, in die Knie zwangen. So süß.
Wenn der Vater ihr die Angst nahm, hörte man das aufgeregte Klappern der Mutterschuhe vor ihrem Zimmer. Wenn es innehielt, horchte die Mutter an der Türe, ob sie was hörte. Sie klopfte dann leise. „Franz, kommst du ins Bett?“. „Gleich“, erwiderte Vater und grinste seiner Tochter verschwörerisch ins Gesicht. „Hoppa hoppa Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.“ wiederholte das Mädchen amüsiert und drückte den Papa fest an sich. Die Mutter machte ihren üblichen Geräusche, tripp, tripp, und klong, warf sie die Türe hinter sich zu. Die Mutter war für sie eine Ansammlung übler Geräusche, etwas Feindliches, das sich als Störung bemerkbar machte. Das mahnende Tripplen ihrer Schuhe, das Geräusch ihres Suppenlöffels am Tellerboden, wenn sie heftig hineinfuhr, das Schlagen der Türe. Immer war etwas Feindseliges in ihrer Präsenz. Als sie älter wurde und der Vater noch immer nicht von ihr lassen wollte, war die Mutter zu einem dürren Etwas zusammengeschrumpft. Mutter hatte den Widerstand aufgegeben und in dieser Hinnahme ein kläglicher Rest geworden. Ihr Klappern wurde leiser und war irgendwann kaum mehr auszumachen. Manchmal nannte sie Elfriede „Mein armes Kind“ und Elfriede wusste überhaupt nicht, wovon sie sprach.
Pedro hatte am Strand ein paar Freunde. Sie hatten alle kräftige Arme.
Am Abend kam der Wind in heftiger Brise vom Meer. Pedros Haar wehte Elfriede ins Gesicht. Sie wäre gern mitgeflogen, ein Stück weiter.
Am letzten Abend hatte Pedro ein Geschenk für sie. Ein Paar Ohrringe. Und ein neues Wort: „Madame Klingeling“. Die Ohrringe waren ein kleiner Windfang, wenn die Luft blies, stießen kleine Metallstäbchen klirrend aneinander. Es hörte sich an wie Weihnachten. Hell und glücklich. Ein letztes Mal nahm er Elfriede in den Mund, speichelte sie kräftig ein, kaut und schluckte sie hinunter. In ihm war sie gut aufgehoben. So starke Zähne.
Die Arme des Planimeters Johannes D. waren mit dem Gerät beschäftigt. In der rechten Hand hält er den Fahrstift, der die Verlängerung des Fahrarmes bildet. Das rechte Auge klebt an der Lupe, dem Fadenkreuz, das ein exaktes Entlangstreifen des Stiftes an der Form des Diagrammes ermöglicht. Je genauer, desto exakter das Ergebnis. Das Gerät hat einen festen Pol, der in die Nähe des zu messenden Objekts gesetzt wird. Das Gelenk zwischen Polarm und Fahrarm ermöglicht eine kontinuierliche, sanfte Bewegung über das zu messende Objekt. Die Messung erfolgt über das Messrad, das die Fläche integriert. Die zu messende Fläche kann eine beliebige Form haben, aber die ganze Fläche muss in Reichweite des Fahrarms liegen und einen Durchmesser haben, der kleiner ist als das Doppelte der Fahrarmlänge. Die mechanische Funktion von Planimetern beruht auf dem Prinzip des Mathematikers Leonard Euler, der dies für die Berechnung infinitesimaler Flächen entwickelt hat. Während der Umfahrung der Fläche mit dem Fadenkreuz werden die kleinen Winkel fortlaufend aufsummiert. Entscheidend ist, dass die Verschiebung der Rolle in Richtung der Drehachse auf der Planunterlage keinen Einfluss auf die Drehung der Rolle hat. Und das genau ist die Kunst, die es zu beherrschen gilt.
Das Gewitter hatte sich verzogen. Ein greller Sonnenstrahl erhellte das Büro, rissen die „Klingeling“ als scharfen Schatten an die Wand hinter ihr. Und das Messrad des Planimeters machte eine kaum hörbares „Qietsch“.

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