Haglöfs Spitz Zwei

Eine Verhaltensweise, die meines Vaters Wesen wesentlich auszeichnet, ist jene, bei jeder nur denkbaren Gelegenheit ein Lied zu summen, zu pfeifen oder einfach leise zu singen. Vor allem dann, wenn er monotonen Beschäftigungen nachgeht, wie Gartenarbeit oder Autowaschen, lässt er ein Liedchen erblühen und setzt es wie einen akustischen Marker in die Landschaft. Auch in Gesellschaft fällt es ihm zunehmend schwerer, diese Gepflogenheit hintanzustellen, gelegentlich bricht auch in durch und durch unpassenden Situationen ein Lied durch seine Lippen und wirbelt unwirsch durch die Lüfte. Eines dieser Lieder ist „Kennst du die Berge, die Berge Tirols“. Das ist unter den top five seiner Trällersongs, seiner Lippenbekenntnisse. Und das nicht einfach nur so. Das Bekenntnis zur Bergwelt Tirols ist nicht nur lapidar dahergepfiffen, es ist gelebtes Liedgut, in Musik gegossene Zugeneigtheit, um mit Heidegger zu sprechen, der das sicher verstehen würde. Unsere ersten Urlaube verbrachten wir in Tirol, in Mayrhofen, ganz hinten im Talschluss. Dort, wo Tirol, am tirolerischsten ist. Engstirnig, düster, beseelt von der pausbackigen Gesundheit seiner Bewohner. Das gefiel meinem Vater, meiner Mutter und uns Kindern. Diese Liebe zur Bergwelt und ihrem Habitat.
Als Jugendlicher dann ist mir diese Freude an den Bergen seltsam vorgekommen. Ab dem 16. Lebensjahr verweigerte ich die Tiroler Talschlussaufenthalte und begann eigene Lieder zu trällern. Darin kamen Berge nicht vor, außer eventuell metaphorisch. Für große Brüste oder große Probleme. Und Tirol sowieso nicht, auch nicht metaphorisch. Dafür aber Großstädte, Weltuntergänge und Zombies. Also genau das Gegenteil von „Die Berge Tirols“. Die Natur, das war in den 80er Jahren ein Zeichen für totale Entfremdung. Man fühlte sich geborgen im Beton und im Plastik. Alles andere war Lüge. Die Natur, das war eine Fluchtfantasie für schreckhafte Mädchen oder esoterische Blödiane. Jemand, der was auf sich hielt, der harrte aus im schäbigen Jetzt des naturfreien Raumes. Aus Authentizitätsgründen und fleischgewordene Ausformulierung der Idee des Endes. In den 80er Jahren wusste man, wenn man ein wenig feinfühlig war, dass bald Schluss war, aber nicht Talschluss, sondern richtig Schluss mit allem und jedem. Das war die Gefühlslage. Das war das einzig Gute an den 80ern, dieses Gefühl für das Aus. Und so waren es Lieder wie „Chemical warfare“ oder „The day everything became nothing“, die auf meinen Lippen sprungbereit hockten und die ich meinem Vater gerne vorgesungen hätte. Bis nach Mayrhofen hinein und die Berge hinauf „Chemical warfare“. So war die Stimmungslage.
Mein Vater singt heute noch immer „Die Berge Tirols“. Ich aber nicht mehr „chemical warfare“. Während mir nämlich dieses edle Gefühl für den Weltuntergang abhandengekommen ist, oder dieser überhaupt einfach aus der Bewusstseinslage der jetzigen Menschen verschwunden ist, sind die Berge geblieben. Ewig. Und gelegentlich ertappe ich mich bei der Vorstellung, dass nicht mein Vater dieses Lied pfeift, sondern das Lied meinen Vater. Dass von den ewigen Bergen her die luftstarken Lieder herunterfegen und in die Menschen hineinfahren, sie aufblasen, dass es so herauspfeift aus ihnen. Zumindest in Tirol und weit ins Voralpenland hinein. Anders ist es nämlich kaum erklärlich, dass auch ich mich vor kurzer Zeit dabei ertappt habe, „Die Berge Tirols anzustimmen“, zu summen, kurz vor dem Gipfel am Warscheneck. Das heißt nur, dass von den Bergen eine ungeheure Macht ausgeht, der selbst ich, der ich mich davor gefeit dünkte, dieser erlegen bin. Ich habe dazu eine Vielzahl von Theorien entwickelt, die aber hier nicht ausgeführt werden können, insofern als diese ganze Geschichte über meinen Vater eigentlich gar nichts zur Sache tut. Eigentlich nämlich wollte ic h eine ganz andere Geschichte erzählen, die zwar mit den Bergen entfernt zu tun hat, aber doch nur eben entfernt. Ich glaube nämlich, und damit sei hier einmal Schluss, dass Männer ab einem bestimmten Alter eine Zuneigung zu den Bergen entwicklen, die sie in ihren jungen Jahren nur Frauen angedeihen ließen, genau dann nämlich, wenn die horizontale Lust zum Erliegen kommt und durch Vertikalspannungen anderer Art kompensiert werden muss. Der Gipfel der Lust, das ist jetzt semantisch etwas anderes. Und deshalb zieht es Männer einsam ins Gebirge.
Die Geschichte, die nun erzählt werden soll, handelt von solch einem Mann. Das ist ein Stoff, der mir zugetragen wurde, für dessen Richtigkeit ich aus eigener Anschauung nicht garantieren kann, die aber, so meine ich, wenn man die Zusammenhänge genau bedenkt, doch nicht so unwahrscheinlich ist, wie sie klingen mag. Der Mann, dem sie passiert ist, nennen wir ihn einfachheitshalber F., um ihm nicht ganz so grau erscheinen zu lassen, ist ein guter Freund eines meiner besten Freunde. Und jener beste Freund hat mir dessen Geschichte erzählt. Mit einem verschwiegenen „schhhh“ und einem Finger auf den Lippen, warnend und Diskretion einfordernd. „Schhh“ also und mit Diskretion. Dieser Aufruf zur Verschwiegenheit, die mir mein Freund bezüglich seines Freundes abgerungen hatte, rührt aus der Natur des ihm Zugestoßenen, ist doch K. einer geistigen Zerrüttung anheimgefallen, die eine stationäre Langzeitverwahrung zur Folge hat, einer Verwahrung in einer Institution, die auch in aufgeklärten Zeiten wie der unsrigen immer noch mit etwas verlegenem Spott und kopfschüttelndem Unverständnis bedacht wird. Und einem „schhh“, einem Mantel des Schweigens und Verhüllens. Gut denn. Es ist kein einfaches Unterfangen eine Geschichte zu erzählen, die in das moralische Korsett des Versprechens gezwängt ist und deren Fluss durch versiegelte Lippen behindert werden könnte. Und es sei mir gestattet, darauf hinzuweisen, dass ich dieses Versprechen nur deshalb breche, weil ich überzeugt bin, dass diese Geschichte jedem passieren könnte, dass sie sozusagen exemplarischen Wert hat, und somit lehrhaft wirken kann. Für all jene, die der Unheil bringenden Macht der Berge nichts entgegenzusetzen zu haben als ihren kümmerlichen Menschenverstand.
F. war Zeit seines bisherigen Lebens ein recht braver Mann gewesen. „Mein Mann ist ein recht braver Mann“, das sagte seine Frau, wenn die Sprache auf Verfehlungen amouröser Natur kam, Themen, die sie mit ihren Freundinnen zu erörtern hatte, das öfteren. Alles in allem traurige Geschichten, gegen die sich „Mein Mann ist ein braver Mann“ abhob wie ein funkelnder Stern, der die Idee der Zuverlässigkeit, ja Ewigkeit aufrief gegen die platte Beliebigkeit der Liebesbegebenheiten, die ihre Freundinnen heulend von sich schnieften. Nein, fff, nein, ffff, welch ein Schwein. Sätze wie jener blieben Fs. Frau erspart. Die Beständigkeit war Fs Tugend aber nicht nur in seinem Liebesleben, sondern auch sein Arbeitsleben war durchsetzt davon. Er war jemand, dem man Handschlagqualitäten attestierte, eine Wort, das seine Zuverlässigkeit und unbedingte Loyalität zu seiner Firma meinte und mehr noch, generell seinen Habitus, der jedem das Gefühl vermittelte, eine Stütze zu sein. Dann wenns eng wird, dann F. Und gerade in dieser schweren Zeit, die seine Firma, eine recht große nationale Bank, durchmachte, war F. ein Garant für die Tugend des Sparsamen, Vorausschauenden, Abwägenden, und Sicheren. Tugenden, die plötzlich wieder hoch im Kurs waren, nach all den spekulativen Himmelfahrten der Jahre zuvor in seiner Branche. F. war der Mann der Stunde. Das war nicht immer so gewesen, man hatte ihn als alten Hasen bezeichnet, und das war nicht liebevoll gemeint. Vor allem die Jüngeren versahen diese Bemerkung mit einer geringschätzigen Dehnung der Vokale, um damit auf seine, ihrer Meinung nach Langsamkeit und umständliche Bedächtigkeit anzuspielen. „Der alte Haaaase“, sagten sie und meinten, er sei aus der Mode gekommen. Denn heute, so meinten sie auch, zählen die kurzen Vokale, die zackigen, schneidigen und geschwinden. Zack. Die Sprache der Raubtiere. Zack. Das war das Motto der Zeit. Viele Jahre lang. „Und dann bumm“, lächelte F., indem er sich in seinem Schreibtisch gemächlich nach hinten streckte. Nach dem Bumm war er der Mann der Stunde. Und so lief für F. seit einiger Zeit alles wunderbar. Beruf, Familie, alles wunderbar. Wenn mein bester Freund, der auch sein bester Freund war, ihn fragte, wie es ihm gehe: „Alles wunderbar“. Das war wieder so ein Satz für die Ewigkeit. Seine beiden Töchter, sie waren beide um die 20, wunderbar. Sonntagmorgen köpfte er gerne ein, zwei Eier und löffelte sie, während er sich freute, dass sein Wunsch nach einem vollzähligen Familienfrühstück immer noch Gehör fand, trotzdem die beiden Mädchen schon flügge waren und hier und dort ihre Nächte verbrachen, am Sonntag aber, immer brav und recht unschuldige Blicke werfend ins Nest zurückflatterten. Weil der Vater es so wollte, wünschte, liebte. Ihm zuliebe taten sie das. Und F. freute sich. Zwei geköpfte Frühstückseier, das war für F. die Symbol gewordene Freude am Dasein. An der Familie und dem Glück des Beständigen.
Wie er auf den Wald und in Folge auf die Berge gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst beharrliches Nachfragen bei meinem besten Freund führte zu keinem Ergebnis. Er wusste es nicht. Aber eines ist sicher. Bislang hatte F. mit der Natur nichts zu schaffen gehabt, gar nichts. Sie war ihm völlig gleichgültig gewesen. Abgesehen von den Urlauben am Meer, die immer pauschal ausfielen, bevorzugt in Klubs, hatte die Natur keinen Platz in seinem Leben gehabt. Dann schon eher für seine Frau, die sonntags nach dem Frühstück immer etwas unruhig wurde angesichts eines langen Nachmittags in den vier Wänden. Aber zu einem Spaziergang war F. kaum zu bewegen und so harrte sie an seiner Seite, bis der Sonntag träge und zäh seinem Ende entgegentickte. Nachdem die Töchter aus dem Haus waren und nach dem Frühstück wieder losflogen, waren die beiden Eheleute an den Sonntagen auf sich selbst zurückgeworfen. Das Brutzeln des Sonntagsbratens, das Klappern des Geschirrs, das Rascheln der Zeitung beim Umblättern, das Knarren des Sofas, das Getöse des Alltags stürzte über sie herein und wurde zu einem ohrenbetäubendem Lärm, dem sie nichts entgegenzusetzen hatten als das stumme Spiel der Gewohnheit. Das Spiel, das sie durch Raum und Zeit schob wie Schachfiguren, langsam, bedacht und strategisch. Sie schickten ihre Derivate los, ihre Sekretäre und Stellvertreter, die die Beziehungsarbeit ordnungsgemäß ausführten, während ihre Kernsubjekte im Imaginären schwebten, jedes für sich selbst. Berührungslos. In der Möglichkeitsform, im Konjunktiv, der von besseren Optionen träumt, von dem, was gewesen wäre, wenn. Und wenn nicht. Für das Reale waren ihre Surrogate zuständig, das eine brachte dem anderen eine Tasse Tee, lächelte artig und kraulte dem andern den Rücken. „Ich hab dich lieb“. Auch das lässt sich sagen mit beschränkter Haftung. Mission-Control: „Alles wunderbar.“ Früher noch, als ihre Körper ineinander fuhren, sich die Wunden leckten, und aneinander den Verstand verloren und das Wirkliche mit dem Möglichen verschmolz, da hörten sie das Ticken der Küchenuhr nicht und all die anderen Geräusche waren lächerlich. Minderwertige Geräusche, Hintergrundton. Nur das Blut, das Ticktack der rasenden Herzen, die sich synchronisierten, das spitze Geschrei, das Gestöhne, das waren die Sonntagsgeräusche der frühen Tage. Alles andere hielt die Klappe, beschämt und schamrot. Und jetzt, umgekehrt. Geschirr, Waschmaschine, alles zu laut. Zum Totschlagen. Mag sein, dass F. deshalb auf den Wald gekommen ist. Mag sein. Plötzlich jedenfalls war F. an den Sonntagen in den Wäldern zu finden, jenen nahegelegenen Walstücken, die von ihrer Wohnung zu Fuß zu erreichen waren. Wälder, die von Läufern und Spaziergängern bevölkert wurden, Flüchtlingen allgemein, die den Sonntagnachmittag scheuten, vielleicht sogar aus ähnlichen Gründen. Und dann nicht nur die Sonntage. Innerhalb kürzester Zeit zog es F. täglich in den Wald. Und nicht nur auf die ausgetretenen Wege, auch hinein ins Unterholz, ins Dickicht, ins Wilde. Dort, wo die Finsternis hockte, das ungewöhnliche Geräusch, der träge Schatten. Das Getier. Nach der Arbeit wählte er den Umweg über den Wald. Seiner Frau erzählte er nichts von seinen täglichen Streifzügen, er hatte das Gefühl, es wäre besser, dies zu verbergen. Eigentlich hatte er eher das Gefühl, seine Frau daran nicht teilhaben lassen zu wollen. An seinem neuen Leben. Als Waldmensch. Und er gab sich der Illusion hin, sie würde davon nichts bemerken. Was natürlich Unfug war, kam er doch schmutzig und stinkend nach Hause, mit Blättern im Haar. Der ausgestreckte Zeigefinger seiner Frau, der auf das beblätterte Haupt ihres Gatten wies, kam noch vor ihrer stammelnden Frage: „Wo um Gottes willen bist du gewesen?“ Er zerbröselte die Antwort in einem akustischen Gebräu aus unverständlichen Lauten. „Wllwla…“ Seine Abneigung, ihr vom Wald zu erzählen, war größer als das ganze Wunderbare ihrer…. Fiel ihm jetzt das Wort nicht ein? Er wollte sie aus dem Wald draußen haben. Seinem Wald. Während der drei Wochen nun, in denen er täglich im Wald unterwegs war, ein zwei Stunden vielleicht, war ihm das Phänomen etwas vertrauter geworden. Wald, das war bislang nur ein Wort gewesen. Von den Gebrüdern Grimm, aus den Märchen, von schlimmen Geschichten, die seine Mutter ihm als Kind erzählt hatte. Von Männern, die darin sich vers teckten und lauerten. Aber die sinnliche Anschauung ist immer etwas anderes als der Begriff. Und deshalb begriff er auch, dass der Wald ein Stück unverkäufliche Seele war, die er in sich trug. So hat er es meinem Freund erzählt, mit diesen Worten. „Der Wald, das ist ein Stück unverkäufliche Seele in mir“. Und der hat das genauso mir erzählt. Dass F. zu solch Einsichten fähig war, daran war der Wald schuld. Ich hatte F. selbst drei, vier Mal getroffen und er schien mir ein sehr zurechtgerückter Mensch zu sein, einer, der Bügelfaltenhosen trug, mit deren Schärfe der die Welt entzweischnitt, in Dualismen auflöste, Gut, Böse, Gut, Schlecht, Brauchbar, Unbrauchbar und ewig so dahin. Für ein Dazwischen ist die Bügelfalte ungeeignet. Und für den Wald sowieso. Und es ist, so denke ich, zulässig, von der Bügelfalte auf eine Bewusstseinslage schließen zu dürfen, so exquisit und sprechend ist dieser Modus, das Beinkleid zu tragen. Und dieser Satz, den ihm der Wald eingeblasen hatte, der passte gar nicht zur Bügelfalte. Es musste tatsächlich etwas Entscheidendes in seinem Leben passiert sein. Etwas, das Menschen aus der Haut fahren lässt und Bügelfalten zum Glätten bringt. Wie immer man das ausdrücken will, das, was hier passiert ist, F. meinte es mit dem Satz „Der Wald ist ein Stück unverkäufliche Seele in mir“ getroffen zu haben. Man könnte das sicher eleganter sagen, geschmeidiger, mit einem guten Glas Whiskey in der Hand. Für F. und seine Blätter im Haar war das der richtige Satz. Man sollte sich über Sätze, die Menschen für bedeutsam erachten, nicht lustig machen. Und mit dieser Selbstbeschränkung ende ich hier auch, mit, man verzeihe mir, der zweiten Vorgeschichte. Denn auch diese hat mit dem nun Folgenden nur bedingt etwas zu tun. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob F.s folgende geistige Zerrüttung nicht hier schon einen unumkehrbaren Verlauf genommen hatte. Im Nachhinein erscheint seine Waldphase als logisches Versatzstück in Fs. Entwicklung zum völligen Zusammenbruch.
Vom Wald in die Berge ist es kein weiter Weg. Nicht geografisch, aber auch nicht metaphorisch. Nach einigen Monaten Wald war F. in den Bergen gelandet. Seine Frau, ihre Ehe war mittlerweile auf eine hart e Probe gestellt, beäugte seine Entwicklung mit stummer Sorge, denn jedes Wort, das sie an ihn, wenn es um Wald und Berge ging, richtete, quittierte er mit einem unwirschen Gebell, das so gar nicht seinem gewöhnlichen Naturell entsprach, war dies doch eher sanft und fromm gewesen. Vor dem Wald. Und vor den wilden Bergen. Seine körperliche Verfassung war im Zuge der vielen Waldaufenthalte hervorragend und je mehr er sich ins Vertikale wagte, desto zuverlässiger und kräftiger wurde sein Bewegungsapparat. Zwar lebte er noch ein bürgerliches Leben, ging zur Arbeit, blieb verheiratet, frühstückte sonntags mit den Töchtern, doch war es nur mehr ein seelenloses Pflichtstück, das er hier absolvierte, sein eigentliches Leben hatte mittlerweile einen ganz anderen Bezugspunkt. Er richtete sich auf die Wildnis ein. Würde er ganz Wildnis sein, würde er sein altes Leben hinter sich lassen. Vollständig und frohgemut. Das war sein Plan. Irgendwann in der Lage zu sein, sein Dasein zu fristen in der freien Natur. Dazu brauchte es natürlich strategischer Vorbereitung und einem intensiven Training. „So eine Verwilderung will geplant sein“, sagte er zu sich selber nicht ohne Witz und einem Rest ironischer Selbstdistanzierung. Was wiederum Anlass zur Unbekümmertheit geben hätte, können, im Nachhinein betrachtet. Denn der Mensch, der dazu in der Lage ist, die Idiotie seines eigenen Tuns zu begreifen, der ist sicher vor dem Zugriff des Wahnsinns. Diese kleinen luziden Phasen waren aber kurz, im Normalfall verzichtete F. auf das Mittel der Selbstreflexion, ja selbst auf die Sprache hielt er nichts mehr. Kam er von den Bergen nach Hause, warf er grunzend die Türe hinter sich zu. Und schwieg. Seine Frau, eine überaus geduldige Person, verharrte wohl stundenlang mit dem Ohr an seine Türe gedrückt, den Finger gekrümmt zum leisen Klopfen. In Sorge ihm zugetan. Und kaum klopfte ihr Finger tatsächlich zärtlich an, erhob drinnen F. seine Stimme zum wölfischen Geheul. Oder zum Wiehern, zum Knurren, manchmal erschallte ein Kuckuck, gelegentlich ein Uhu. Es waren die Tiere des Waldes, die seine Frau durch die Türe gedämpft zu hören bekam, nicht ihren Mann. Der in grauen Vorzeiten zufrieden war mit zwei geköpften Eiern am Sonntag. In den wunderbaren Zeiten. Wenn er nicht da war, war sie versucht, sein Zimmer zu untersuchen. Indizien zu finden, die seinen Zustand, seine Veränderung für sie erklärbar machen konnten. An einem Sonntag nun, an dem er wieder frühmorgens wortlos in die Berge verschwunden war und alles auf ihn wartete, seine Frau, seine Töchter, selbst die zwei weich gekochten Eier, wie es schien, erbrachen sie nach gemeinsamen Beschluss die Türe zu seinem Arbeitszimmer. Man sagt, „die Augen gehen einem über“ und meint damit den Mehrwert des Unerwarteten, der sich in die Augen drückt. In diesem Fall gingen drei Augenpaare über, wenn man bei diesem Ausdruck bleiben will. Und er ist gar nicht so schlecht gewählt, wenn auch ein wenig abgenützt. F. hatte sein Arbeitszimmer zum Grüngürtel erklärt, aus ihm alle Anzeichen von Zivilisiertheit und Künstlichkeit entfernt, es aufgeforstet, Tannen und Fichten gepflanzt, mit Efeu experimentiert, Blätter und Moos aufgeschüttet, Lianen drapiert, kurz die Simulation von Wald im Innenraum erzeugt, wie sie unter dieses Umständen möglich ist. Sein Bett hatte er herausgerissen, etwas Stroh aufgeschüttet und sich eine Liegestatt gebaut. An den Wänden klebten topografische Karten, die er mit eigenen Bemerkungen und Einträgen versehen hatte. Depot, Schlafplatz, Höhle, Versteck… und andere Begriffe waren zu lesen. Am Boden fanden sich verstreut beschriebene Blätter, auf denen Listen von Werkzeugen, Lebensmittelvorräte, Anleitung zum Bau von Unterkünften, Finanzpläne und anderes zu lesen waren. Dann fand man noch Pamphlete, eine Art theoretische Absicherungsversuche seines veränderten Bewusstseinszustandes. Eines davon hieß „Kaufe nie!“ und enthielt eine Anleitung zur Veränderung der Gesellschaft auf der Basis von Konsumverzicht. Nichts Neues, wenn man will, aber im Kontext seiner Entwicklung bemerkenswert, war er doch in seinem Sein weit über die Theorie hinausgekommen. Man fand noch ein Schriftstück mit dem Titel „Haglöfs Spitz 2“, ein Loblied auf eine Funktionsjacke der schwedischen Firma für Outdoorbekleidung, in dem er die Vorzüge des Bekleidungsstückes zum Besten gab: extreme Widerstandsfähigkeit, atmungsaktiv, für alpine Einsätze konzipiert, verstärktes Rückenelement für Einsatz mit schwerem Rucksack.
In selber fand man am nächsten Tag, nachdem seine Frau die Polizei alarmiert hatte. Er war in einem seiner Lager, das er in den Vorwochen angelegt hatte. In seinem Gesicht, ein breites Grinsen, das er gelegentlich unterbrach durch das Summen eines Liedes.

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