Hirschwaldstein²

Während ich an einem bitteren Novembertag am Fuße des Hirschwaldstein meine signalfärbige Dachstein-Funktionsunterwäsche mit einem geräuschvollen „sst“ über meinem Körper zurrte, beendete zwei Kilometer westwärts eine Dame mittleren Alters ihr Leben durch ein „fft“ über eine steil abfallende Kalkfelswand. Die Schallwellen beider Geräusche mussten sich in der Mitte irgendwo getroffen und ein akustisch solch widerwärtiges Gebräu verursacht haben, dass selbst gottesfürchtige Trommelfelle platzten angesichts des metaphysischen Donners, der über sie hereinbricht. Genauer betrachtet ist es nämlich äußerst selten, dass sich Ereignisse in harmonischer Eintracht zueinander verhalten, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Während ich also dem Reißverschluss meiner Unterwäsche einen funktionellen Zischlaut entlockte, knacksten anderenorts Halbwirbel auf Stein. Überall, wo ich hinhöre, dieselben Misstöne. Das Grundgesetz des äußeren Seins ist eine grauenhafte Symphonie dissonanter Ereignisse. Nur selten ist es möglich dieses aufzuheben. Eines Nachts hatte sich eine Geliebte eingefunden, man war zum Liegen gekommen und nach einem wohlfeilen Hantieren am Liebesobjekt war es mir vergönnt diesem liebliche Laute zu entlocken, die anschwollen zu einem Toben, in welches ich selbst nun einfiel, und das in dieser Dopplung eine Frequenz erreichte, die es ermöglichte, Wände akustisch zu durchbohren. Was zur Folge hatte, dass in eine kurze Stille des Innehaltens hinein plötzlich ebensolche Laute vernommen wurden aus dem angrenzen Schlafzimmer der Nachbarsleut, die, so schien es, motiviert durch unsere akustische Vorgabe, ebenso Hand anlegten und sich im Doppellaut ergingen. Damit nicht genug. Unglaublich, aber wahr, waren selbige Geräusche nun auch vom nächstfolgenden Schlafgemach aus zu vernehmen, leiser zwar, aber doch. Und in kurzer Zeit drangen aus allen Häusern der Umgebung, bald aus dem gesamten dörflichen Verband jene Laute, deren Anstoß wir gelegt hatten. Selbst die Kirchenglocken, so schien es, fielen pendelnd in diese Schwingung mit ein, ding dong, und erhoben damit das Profane zum Allerheiligsten. Harmonis mundi. Das war die Ausnahme. Das einzige Mal. Ansonsten Dissonanzen. Der Reißverschluss und das Knacken der Wirbel. Diese Gleichzeitigkeit war mir naturgemäß erst im Nachhinein aufgegangen, während ich im Moment nur darauf konzentriert war, mein neu erworbenen Trikot dicht zu schließen, damit keine kühlende Luft an meinen Oberkörper gelangen konnte, was zu bösen Verkühlungen von Sehnen und Nerven führen könnte. Eigentlich schon geführt hatte. Ich hatte bei einem meiner täglichen Waldläufe eine von der Schulter abwärts bis zum Mittelfinger führende Sehne dem eisigen Novemberwind ausgesetzt, woraufhin diese, Tage später, heftig schmerzte. Um Schlimmeres zu verhindern, erwarb ich besagte Funktionsbekleidung, die nun zum ersten Mal angelegt wurde. Den Mittelfinger brauche ich nämlich für meine Erwerbsarbeit. Dass dieser nun auf Grund der ihm zugefügten Unterkühlung hoch aufragend wegstand und so zu einer obszönen Geste gefror, war zwar sinngemäß verständlich, bedenkt man die widrigen Umstände, in die man geraten kann, nichtsdestotrotz aber zu einer Behinderung meiner Greif- und Tastbewegungen führte, die ich so nicht wirklich als Dauerzustand zu bewahren trachtete. Mein Mittelfinger ist nämlich das entscheidende Werkzeug meiner beruflichen Tätigkeit, die, zumal in Zeiten mit hoher Frequenz, sich in der Korrektur unsinnigster Texte erschöpft. Viel mehr als der Kopf, ist hier der Mittelfinger gefragt. Meinen Kopf brauche ich für diese Tätigkeit eigentlich nicht. Ich arbeite viel besser ohne ihn und habe deshalb schon des öfteren daran gedacht, mir meine Hand auszureißen, sie neben die Papiere zu legen und ihrer Arbeit nachgehen zu lassen. Denn dass sie diese, ohne das Zutun meiner Restperson, zur allgemeinen Zufriedenheit vorzüglich

leisten könnte, ist gewiss. Ich habe diesen Plan aber fahren lassen, weil… Kurz. Aus erotischen Gründen. Habe aber diese Entscheidung am Fuße des Hirschwaldstein bereut, weil sie in dieser krallenhaften Form, wie sie seit ihrer Erfrierung auftritt, sowieso ein unsinniges Dasein führt und ich sie besser zu Hause hätte lassen sollen. Dachte ich in dem Moment, als ich die Autotür hinter mir zuschlagend, loslief. Der Herbst hatte sich über den Berg hergemacht, ihm sein Grün weggezupft, und dem Matsch Platz gemacht. Im November wird der Hirschwaldstein zum Glatzkopf, an dem vereinsamte Büschel verblichenen Geästs gelangweilt in den Himmel stechen. Vom Gipfel aus hat man nun einen ungehinderten Blick in die Ebene, erkennt dies und das, ohne sich mit dem Stock ein Sichtfenster schlagen zu müssen. 21 Minuten 43 Sekunden, eine durchschnittliche Zeit. Im Sommer bin ich schneller. Bein Rekord liegt bei 18. 13. Heute hatte mir der Seitenblick etwas Zeit gekostet, das kurze Innehalten, eine ärgerliche Sekunde des Staunens. Im Regelfall vergeude ich keine unnötigen Blicke. Die Natur rundum interessiert mich nicht. Wie überhaupt das Innehalten und Herumsitzen nicht meine Sache ist. Ich laufe. Bergan, im Idealfall. Auch der Matsch hatte mir heute etwas Zeit gestohlen. Er lässt die Füße einsinken, stellenweise knöcheltief. Ich höre ihn als saugendes Geräusch, jeder Schritt schmatzt. Als schlürfe man Suppe. Ich vermisse den trockenen Boden des Sommers, das Abfedern der Schritte, das Vogelfreie. Der Matsch ist im November überall. Er fällt von den Bäumen als Laub, hängt in der Luft als Nebel, sickert aus dem Boden. Gegen den Matsch hilft nur Geschwindigkeit. Ich knalle die Autotüre zu und laufe mein Herz in Schwung. Nach hundert Metern bin ich warm und mit der Hitze kommt das Glück. Stoßweise, im Rhythmus des pochenden Blutes. Ich-Maschine. Ich treibe die Frequenz bis zu dem Bereich, in dem der Schwindel kommt, atme mein Innenleben stoßweise aus mir heraus, lasse es an der Stirn herunterperlen. Aus ganz wenigen Parametern erblüht ein System. Muskeln, Sehnen, Herz, Lunge, Blut. Mein Blut läuft wie geschmiert. Es gibt Stellen am Weg hinauf, die ich besonders liebe. Gleich zu Beginn das Queren der steilen Wiese, dann der Felsen, den ich jedes Mal mit meiner Linken tätschle wie einen dicken Busen, wie weiter oben den dicken Baum. Fast ganz oben kommt der steile Abfall. Das erste, was mir auffiel, war das plärrende Kleid. Es schlägt sich mit dem Matsch, behauptet ein Rot-Gelb-Grün gegen das matschige Braun. Es war ein kurzes Innehalten, ein Seitenblick auf dieses irritiererende Bunt, keine zehn Meter abseits. Erst beim Herunterlaufen blieb ich stehen, kroch ins Gebüsch, fand das Bunt als Kleid, in dem eine Frau steckte, die zu Tode gefallen war. Sie lag auf dem Rücken, oder fast, hatte Mund und Augen geschlossen und machte insgesamt den Eindruck friedlicher Unbekümmertheit. Ihr Oberkörper war leicht aufgerichtet, ihre Hände aufgestützt, als wollte sie aufstehen und ins Leben zurück. Sie war in einer Bewegung eingefroren, die einen Einspruch erhob, ein Trotzdem zum Ausdruck brachte. So als hätte sie, trotz ihres Todes, Lust bekommen sich wieder zu erheben und weiterzumachen, dort wo sie aufgehört hatte. Von oben betrachtet sah sie aus wie meine Hand, ihre Körperhaltung war eine rüde Geste das Einspruchs. Sie hatte sich als Ganzes ausgerissen und neben das Leben gelegt, um zu sehen, ob es weitermache, auch ohne sie. Wie wenn man sich selbst zum Leben nicht braucht. Eine schöne Leiche, das dachte ich. Eine Leiche mit Tiefgang, eine, die auch im Tode noch etwas Sinnvolles zustande brachte. Die Rekonstruktion ihres Abgangs war einfach. Sie hatte sich von der Steilwand gestürzt, gut und gerne zehn Meter in die Tiefe, war auf einem Felsen aufgeschlagen, der ihre Wirbel brach, war dann noch mal kurz ,verwundert vom Lebenswillen aufgerichtet worden und verstarb in einer physiologischen Zwischenlösung. Sie war Mitte vierzig, würde ich schätzen. Das Haar kurz geschnitten, ein volles Gesicht. Wie ein Mond. Wie wenn ein Kind sich an einem Antlitz versucht, ein Kreis und Striche. Mund und Augen waren gerade Schlitze und sorgten in dieser Null-Stellung für eine vollständige Ausdruckslosigkeit. Kein Schrecken, kein Witz hüpfte einem von diesem Gesicht entgegen. Es war eines, an dem man vorbeigehen würde, ohne es je bemerkt zu haben. Eines jener Gesichter, dem man keine Aufmerksamkeit schenkt. Das die Reizschwelle zum Bemerken, wie man sie heute definiert, nie und nimmer überspringt. Ihr Hals war dick und kurz, fast versenkt im mächtigen Rumpf. Die geschwungene Linie des Weiblichen war mit den Jahren verschwunden und hatte einem Blockhaften, Rechteckigen Platz gemacht. Das Leben hatte ihr einiges aufgepackt, an Hüften, Bauch und Bein, hatte in ihr herummodelliert, hier noch was und hier ein Stück, um ganz sicher zu gehen, auch dort noch, damit nichts rein kann so schnell, eine gewichtige Monade. Eine solide Form. Wie ein „i“ lag sie da, der rechteckige Rumpf, der Kugelkopf. Ihr bestes Kleid hatte sie angezogen, wie es schien, ein buntes Stück. Großflächig blühten Blumenblüten daran. Ganz wild, als wollten diese über dies Begrenzung des Stoffes hinaus auf die ganze Welt ein Blumenmuster legen. Ein großes Geschrei in Farbe. Ganz andres als sie selbst. Der Widerspruch, der im Kleid lag, erinnerte mich an Mädchen, die in der Zeit des erwachenden Begehrens immer übertreiben, immer ein Zuviel setzen. Spuren von Lippenstift an den Schneidezähnen, Wimpertusche, die an den Augenlidern klebt. Ungestüme Tollpatschigkeit. Wie dieses Kleid hier.
Die Polizei war kurze Zeit später da. Ich hatte angerufen, mit ein paar Sätzen das Geschehene skizziert und ausgehalten, bis sie kamen. Das alles interessierte mich nicht mehr. Tage später fiel mir ein Bericht in die Hände, der in der lokalen Zeitung zu finden war. Sie wäre sehr zuverlässig gewesen, las man hier, in ihrem Beruf recht glücklich. Sehr zurückhaltend, fast unauffällig, meinten die Kollegen. Angestellte in einer Filiale einer Bank in einem Nachbarsdorf wäre sie gewesen. Aus unerfindlichen Gründen hätte sie sich das Leben genommen. Und alle wären erschüttert und gänzlich vor den Kopf gestoßen. Der brave Mann und die zwei erwachsenen Kinder.
Kein Wort war zu lesen vom Kleid.

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