Strandminiatur

Die Golden Bay von Isto wird dominiert vom Golden Bay Hotel. Es sitzt wie ein Adlerhorst etwas erhöht am Talbogen, der zur Bucht hin abfällt. Ein schmaler Streifen Strand zirkelt sich kreisförmig um diesen Meereseinschluss.  Wenige Gäste nur kennt dieses Idyll, vor allem deshalb, weil die Zufahrt von oben herab nur für Hotelgäste gestattet ist. Andere Interessenten müssten den langen Weg von oben herabstolpern, und das tun sich nur wenige an, bevorzugt Deutsche, die für ein wenig Abgeschiedenheit ihr Leben riskieren.  Aber Deutsche waren an diesem Tag gar nicht vor Ort.
Eine griechische Familie hatte sich neben uns platziert. Sonnenschirm, Strandliegen, alles recht routiniert in Stellung gebracht. Strandprofis. Zwei Mädchen, eines vielleicht vier, das andere acht, die Gattin, höchstwahrscheinlich, und der Ehemann. Ein klassisches Viergespann, das den wahrscheinlich verdienten Urlaub im „Istro Golden Bay Hotel“ gebucht hatte und damit den formidablen Strand dazu. So im Gänsemarsch vom Appartement mit Meerblick, nehm ich an, hinunter in den Sand, an den an diesem Tag das Meer kracht und poltert, als hätt es eine Rechnung offen. Wütend knabbert es und beißt sich ein Stück Gold ab, das weiße Großmaul. Und brüllt dazu, dass kleine Kindern die Knie schlottern. Für so ein Meer ist ein kleines Kind nichts, ein Happen, ein Schlückchen Fleisch, mehr nicht.  Und das weiß das kleine 4-jährige Mädchen auch und heult, kaum hat es die Szene betreten. Wie ein bockiges Dreieck steht es da, die Füße fest in den Sand gerammt.  Zwei dorische Säulen. Und nichts an ihm will ins Weiß, ins Brüllen, ins draußen romantische Blau. Während das andere Mädchen klimpernde Augen wirft, klick, klick, ein wenig zittrig dabei, aber doch. Man könnte schon. Da rein. Das Nass, das hüpft so schön auf und ab. Das wär was.
Die Reingehensfrage wird virulent. Dafür zuständig: der Ehemann. Er sieht aus, als könnte er für vieles zuständig sein. Die Art, wie er sich ins Wasser lässt. Delphinig. Und draußen seinen Töchtern winkt. „Ella, ella“. Er hüpft in der Brandung wie ein Gummiball, manchmal ist er für eine Sekunde nicht zu sehen. Und das Mädchen heult immer noch, während das andere unentschieden wie das Auf und Ab des Vaters nicht weiß. Soll ich, so die Brandung, die viele Sprachen spricht. Zwei, drei wuchtige Armschläge, und der Vater ist wieder gestrandet und widmet sich nun ernsthaft dem Wasserproblem seiner Töchter. Während die Kleine noch immer dorische Säule mimt, trotzig, für die Ewigkeit eingepflanzt auf festem Grund, wagt sich die ältere an den weiß schäumenden Rand, tritt nach ihm, läuft ihm nach, lässt sich fangen und kichert dabei keck gegen das schwere Brüllen an. Die Aufmunterung des Vaters, ella, ella, quittiert sie mit einem gezogenen Näschen, das kurz Zweifel meint, dann aber wieder einem mutigen Lippenwurf Platz macht.  Das Geheul der Kleineren kämpft standhaft an gegen das Gebrüll des Meeres, beide den Anspruch der Ewigkeit in sich tragend. Vater, der Delphin, merkt, dass er strategisch vorgehen muss, um beide ins Element zu bringen. Dort, wo er jetzt Possen reißt, untertaucht, viel zu lange für die O-Gesichter der Mädchen, aus dem Wasser schnellt und prustet wie ein Wal. Schwer beeindruckt die Große, heulend noch immer die Kleine. Vater bläst einen Schwimmreifen auf. Das Gefährt tanzt in der Brandung, blau und rosa. Mädchen ist entzückt. So tanzen, wie ein Schwimmreifen, wie Luft, die Wasser trotzt. Und der Mädchenfuß rein ins Nass, ella, ella, und er Rest hinterdrein. So schnell. In Vaters Arme, die starken, die das Wasser teilen, wenns sein muss. Und schon hüpft die Kleine mitten drin im Schwimmreif, rundum Luft, die schützt. Und ein Lächeln wie die Brandung, strahlend weiß. Überall das Nass, die Welle und der Vater kriegen einen dicken Kuss. Und lacht, die Wilde. Und Nase an Nase mit dem Vater. Auf, ab.
Und Mutter hat nun endlich ein Auge aufgetan, eines bloß, das sie reinwirft in die Flut, um es träge wieder zu schließen. Mutter ist offline. Aus der Szene raus, nur als Starschnittposter da. Bikinifrau an tosender Brandung. Nun die Kleine, die dorische. Weil Schwesterchen schon weit draußen im Hüh und Hott und sie nur festgerammt am sicheren Grund. Ein Trotz, der ins Leere läuft, weil nur für sich. Da trotzt sichs schlecht. Und stampft dazu, damit endlich was passiert in dieser Unentschiedenheit. Schon schwingt sich Arm vor Arm der Vaterdelphin an den Stand und brandet direkt vor der standhaften Wenigkeit. Und packt sie schnell, rauf an die Brust, fest und sicher, wie er weiß. Nur sie, griechischer Tragödie, quadriert ihr Geschrei, setzt als Schaumkrone Panik drauf. Mutter zwinkert schläfrig. Jetzt sicher nicht. Nicht hier, an güldenem Strand, ochi. Ochi, ochi und scheucht mit ein paar wedelnden Findern das lästige Volk ins Off.   Wie mit der Klatsche nach Insekten.  Der Vater nun, man meint, er sei Polizist, weil er dienstfertig, ne, ne, die Kleine besänftigt, ganz Befehlsempfänger.  Wieder zurück auf den Boden,  wo sie still wird. Er setzt sie ab und sieht Worte. Kleine Säule ganz stumm, kuhäugig seinen Lippen folgend. Auf und Ab wie draußen das wilde Nass. Und schon trägt er sie, noch immer deutlich Laute formend an die spritzende Gischt. Worte und Brandung fallen zusammen, ein einziges lautes Gemurmle, aber jetzt hat sie den Dreh raus.  Nur nicht den Blick ins weite Blau, immer die Lippen des Vaters im Auge, dann ist alles gut. Und schon ist er rein bis an den Bauch und die Wellen kitzeln an den zappelnden Beinen. Alles fließt. Mein Gott. Natürlich quiekt sie, aber zwischen Vergnügen und Angst, je weiter sie ins Wasser langt, immer noch krallende Finger an Vaters Rücken. Knöchelweiß. Und schon steht das Wasser bis zum Hals. Fast wieder Panik in der Kehle, das spitze Geschrei, aber nur kurz, ein Anflug. Denn noch immer ist der feste Vater da, ein Bett aus Brust und Arm, ganz sicher auch im schlimmsten Element. Und schon paddelt das blau-rosa Schwesterchen herbei, ganz wildes Getobe und Entzücken. Alle drei nun. Eine wippende Festung, Arme und alles verkrallt. Und die Kleine ganz außer Gefahr, brüllt gegen die Brandung „Mama“, noch mal und noch mal. Und alle fallen drein, alle drei, ganz wogende Welle, ganz spritzendes Feucht, weißes Etwas. Zusammen:  Mama. Mama.
Wieder ein blinzelndes Auge vom Strand und ein fades Winken mit einem Finger. Mit der anderen Hand zieht Mama nun die Ränder ihres Bikinihöschens noch ein Stück tiefer in die Gesäßfalte und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum weiteren Funktionieren eines gedeihlichen Familienlebens.

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