Busensolo oder bauchfrei is back! Endlich!

Für Gwen.

Zaghaft, aber unverkennbar. „Bauchfrei is back“. Es ist nicht so, dass das sofort in aller Deutlichkeit sichtbar wäre. Aber für den aufmerksamen Beobachter ist es klar:  Man wagt sich wieder an die Körpermitte. Und das ist ein Grund zum Halleluja! Dreifach. Und öfter.

Es ist fast so, als ob sie noch ein wenig unsicher wären, die Mädchen und Frauen, seltener Burschen, deren Leibchen wieder über den Nabel rutscht. Fast scheu wird die Frage gestellt, ob dies wieder möglich sei. Ob man wieder? Wie früher? Geht das überhaupt? Die ins Klamottische übersetzte Zaghaftigkeit ist deutlich, zeigt sie doch Unentschiedenheiten. Oft ist es nur ein Streifen Haut, der zwischen Hosenbund und Oberteil in die Öffentlichkeit drängt, fast wie zufällig, feig und zögerlich. Manchmal ein Knoten, ironisch retro.  Lichtscheues Gesindel, das modisch ins Dunkle verdammt, in den Kerker gesperrt wurde. Zehn Jahre Dunkelhaft für den Bauchnabel. Vom selbstbewussten Auftritt der Körpermitte, wie sie in  den 90er gepflogen wurde, ist man noch weit entfernt. Es sind eher Befragungen modischer Natur, keine klaren Statements, Abweichungen noch, um die Geschmackslage abzutasten. Ob die Zeit dafür reif ist, den Bauch wieder in Szene zu setzen. Ihm Platz zu machen, ihm einen visuellen Raum zuzugestehen. Was ist da passiert? Warum hat der Bauch seine Performance verloren, warum tritt er wieder auf den Plan? Inwiefern sind visuelle Codes Manifestationen kultureller Werthaltungen? Inwiefern sind Frauenkörper und ihre Zuschnitte, Oberflächen und Dunkelzonen Sprechwerkzeuge?  Es sind Fragen wie diese, die uns beschäftigen werden, wenn wir uns großmäulig geben.

In der, so sagt man, „mondänen Hafenstadt Calvi“ an der Südküste von Korsika, sind Freund Stephan und ich selber zur fortgeschrittenen Stunde volltrunken auf einen Schlummercocktail an der einzig geöffneten Bar im Hafen gestrandet. Zehn Euro für einen schlecht eingeschenkten Mojito, dessen Rumanteil der schmierige Kellner in einem weiten Bogen ins Glas kurven ließ. So eine Bar. Da sind wir gelandet. Man tut viel, um einen anständigen Rausch zusammenzubringen. Das war auch ein bisschen mein erster Gedanke, als mein Fuß noch zögerlich innehielt, bevor er sich dem ferialen „eh wurscht“ ergab. Gott sei Dank, sag ich jetzt. Denn Erkenntnisse und Extremsituationen gehen immer gut zusammen. Und Füße wissen oft mehr als Köpfe. Als wir dann an der Bar uns an die Strohhalme  anschlossen, wurde die Szene akustisch auch durch entsprechende Musik abgerundet. Vollständig ist immer nur das Übel, es kennt die Totalität, wie dies das Gute nicht kann. Vollständig deplatziert, vollständig schlechte Cocktails, vollständig elende Musik. Die heilige Dreifaltigkeit eines misslungenen letzten Drinks. In diese Szene des Üblen nun platzte plötzlich der Song „wacka wacka“ von Shakira hinein. Und ich war versucht den Finger zu heben, um anzuzeigen, dass das nun ein Song wäre, den auch  ich kannte und darüber sich so etwas wie ein Gefühl der Freude einstellte. Ein taxierender Blick über die anwesende Mädchenschaft machte mir klar, dass dies allen so ging. Denn umso eifriger wurden nun Körperteile geschüttelt, und selbst ich wippte meinen rechten Fuß, den zögerlichen, aufgeregt zu „wacka wacka“. Da erspähte ich in der Ferne, am anderen Ende der Bar, eine junge Frau, die in exaltierter Weise ihre Brüste zum Schwingen brachte, recht kunstfertig und unnatürlich, in dem sie bloß den Oberkörper zu rhythmischen Bewegungen zwang, der nun den daran befindlichen Brüsten eine Bewegung abnötigte, die am besten als hüpfendes Kreisen zu beschreiben ist. Und sonst blieb alles ruhig. Das heißt die Frau bewegte sich im Rhythmus der Musik, indem sie ausschließlich ihre Brüste tanzen ließ. Sonst war sie völlig ruhig, ja teilnahmslos und gelangweilt wirket sie, vergleichsweise zum Höllenritt, den ihr Busen aufführte.  Trunkenheit macht ja insofern wieder nüchtern, als man das Absonderliche als Normalität klassifiziert. Und so war mir die Szene zwar aufgefallen, ich hatte ihr aber weiter keine Beachtung geschenkt. Deshalb auch, weil auf dem wankelmütigen Nachhauseweg Stephan eine plattgewalzte Ratte auf der Straße entdeckte, die zu einem eifrigen Bekenntnis seine Grausens führte und mich den Fotoapparat zücken ließ, um ein Konterfei von „Ratte platt“ mit nach Hause nehmen zu können. Aus dem „mondänen Calvi“. Dies alles unter reichlich Gepolter und Gelächter, tänzelndem Schritt und all den Zutaten, die eine fortgesetzte Trunkenheit so mit sich führt. Egal. Auf jeden Fall waren wir aus der Bar raus und der hüpfende Busen war Geschichte.

Bis er wiederkehrte, wuchtig, monströs. Hopsasa. Ins Traumbild gegossen. Und dort hochgefahren zur bedeutungsvollen Größe. Hatte nicht schon Shakira  in „wacka wacka“ ihren Busen in der Weise zum Schwingen gebracht? Was dies alles nur ein kopiertes Manöver, keine genuine Leistung der jungen Dame an der Bar? Hatte sie, wie das junge Frauen so tun, sich am Vorbild zu schaffen gemacht? War dies somit keine vereinzelte Geste erotischer Selbstdarstellung sondern eine Äußerungsweise, die Vorbildwirkung nach sich zog und somit allgemeine Bedeutung generierte? Somit ein relevantes Zeichen?

Für unser Thema bedeutsam ist bei dieser nun etwas ins Episodisch abgesackten Erzählung bloß die Frage, ob Busen oder Bauch. Wieso der Busen als primäre erotische Ausdruckszentrale den Bauch völlig ins Abseits gedrängt hatte. Kann beides nicht nebeneinander existieren? Hat man es mit zwei unterschiedlichen erotischen Settings zu tun, die ganz Unterschiedliches bedeuten? Stehen Busen und Bauch in seinem semantischen Oppositionsverhältnis zueinander? Warum bloß? Was entblößt man richtig? Sicher ist nur: Entblößt muss werden. Das Fleisch will raus, es muss sich zeigen.

Ich habe den Eindruck, dass der Busen in seiner ungeheuerlichen performativen Kraft im letzten Jahrzehnt alles platt gemacht hat, was an erotischen Ausdrucksmodalitäten sonst noch zur Verfügung steht. Die Vertittisierung des gesamten öffentlichen visuellen Geschehens kann kaum in Zweifel gezogen werden. Brust zu zeigen ist für Frauen zur Norm geworden. Brust raus! Das gilt als Minimalbedingung weiblich erotischen Selbstverständnisses im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Immer schon natürlich, nur nicht in diesem umfassenden Sinn busokraturischen Terrors, der selbst vor Kindern nicht Halt macht. Dass der BH da eine besondere Rolle spielt, als Indikator  weiblicher Erotik, darauf wird an anderer Stelle genauer eingegangen. Tatsache ist, dass selbst 10 Jährige, kaum beginnt ihnen ein kleines Brüstchen zu wachsen, zum BH greifen und dadurch zum erotisch relevanten Subjekt definiert werden. Sexualisierung funktioniert über ein Kleidungsstück, dessen Verwendung unbedingt eingefordert wird. Und  auf dessen Inszenierung ungeheuer viel Zeit und Energie aufgewendet wird. Am Ende dieser Kette steht der wedelnde Busen von Calvi, das „wacka wacka“ Instrument, die völlig losgelöste Verselbstständigung des Dings zum erotisch funktionalen Accessoire. Anders gesagt: Mich nervt der Busen. Ich kann ihn nicht mehr sehen, und all die Busenzeigerinnen, diese endlose Dekolteeshow. Das aufgeblasene, ausgestellte, unter die Nase gehaltene Doppel-B. Wir kennens schon, danke. Ich will Bäuche sehen. Und klimpernde Wimpern, rote Lippen und himmelstürmende Augenaufschläge, Haare bis zum Hintern, wedelnde Hintern. Vergesst die Brüste!   

Das erotische Instrumentarium weiblicher Performance hat sich reduziert auf die Zurschaustellung eines einzigen Objekts. Alles rundherum ist sekundär. Diese Verarmung der erotischen Sprache ist bedauerlich, vergisst sie doch die lange Tradition raffinierter weiblicher Inszenierungstechnologie, die weit über den Busen hinausreicht. Und zementiert den Objektstatus weiblicher Sexualität. Wenn Eros nur über den Busen funktioniert, nur dieser tanzt, dann bleibt das daran hängende Weibliche unbeteiligt, unwichtig, uninteressant. Mit der ausschließlichen Generierung von geschlechtlicher Attraktivität durch das Busensolo ist nichts gewonnen, alles aber verspielt. Die Differenz, das weibliche Subjekt, das hinter dem Busen steht. Wacka, wacka ist Pornographie. Die zur Sache verkümmerte Körperlichkeit losgelöster und frei beweglicher Körperteile, die mit den von ihnen besetzten  Individuen nichts gemein haben. Effektive Attraktoren im Kampf ums Kapital der Aufmerksamkeiten. Kreisende Brüste, an denen Frauen hängen.

Bitte Bäuche, bitte Glockenhosen, bitte Perücken, Eyeliner, Ohrringe, Hüfttücher, Haarbänder.  Ins Volle, Frauen, bitte!  Es kann schon sein, das für russische Oligarchen, Fußballspieler und andere richtige Männer  simple Überzeugungstechniken genügen, um schnelle Reaktionen zu generieren. Aber, will man das? Ist Eros so billig zu haben?  Schluss mit den sekundären Geschlechtsorganen, mehr Peripherie, mehr Zwischenschritte, undurchsichtige Metaphern, schwierige Lyrik. Erotik, das ist der Tanz der unsicheren Zeichen, nicht der der wippenden Brüste. Das ist die Herrschaft der Discounter.

Die Bauchzone, die, wie ich meine, nun sich wieder anschickt, Aufmerksamkeit einzufordern, ist im Gegensatz zum Busen ein Beispiel für eine defensive erotische Technik. Das Reizende am Buch ist seine Mittelposition. Er ist sozusagen nur ein Medium, das auf anderes verweist, auf jene geschlechtlich ausgezeichneten Zonen über und unter ihm. Bauchfrei macht genau das sichtbar, was eigentlich uninteressant ist, gewinnt seine erotische Qualität genau daraus. Aus der Verhüllung des Geschlechts.  Das Ausweichen des Sichtbaren auf die Nebenzone macht das Verdeckte noch interessanter. Es deutet an und nimmt sofort wieder zurück. Der sichtbare Bauch ist höchste Ambivalenz, ein Spiel der Andeutungen, nicht der Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist nur als Modus freigeschaltet, es zeigt das Nackte nur der Form nach, als Möglichkeit, verzichtet aber auf die Darstellung geschlechtlich eindeutiger Inhalte.  Die Verbannung des Bauches aus dem Repertoire sinnlicher Ausdrucksmittel in den 00er Jahren verweist vor diesem Hintergrund auf eine Ablehnung des verführerischen Spiels zugunsten einer auf Effektivität abzielenden erotischen Intervention, wie sie durch den Busen verkörpert wird. Weiblichkeit wird reduziert auf einen simplen visuellen Code, einer einfachen Zurschaustellung von Titten, die jederzeit halb oder ganz ausgepackt als „Dinger“ daherkommen. Natürlich ist das einer männlichen Logik pornographischer Herrschaftsattitüde geschuldet. Endgültig Zeit für andere Spielregeln.

Ich hoffe nun, dass mit der Rückkehr von „bauchfrei“ auch andere Schrecklichkeiten des ersten Jahrzehnts des zweiten Jahrtausends verschwinden. Die Verbannung des Bauches hat nämlich modische Konsequenzen nach sich gezogen, die das gesamte Arrangement von Kleidung betrifft. Mit dem Niedergang der Bauchfreimode hat auch die Hüfthose ihre Bedeutung verloren. Seither wurden die Hosen wieder hoch gezogen, über bis über den Nabel hin. Und verengt zur Röhre. Die Rückkehr der Röhrljeans, man kann es kaum ohne Ekel  formulieren, aus den finstersten Ecken der 80er Jahre Mode zwingt das weibliche Fleisch in ein strenges Korsett, der Vorstellung einer Silhouette, die keine Gnade kennt.  Als wollte man sagen: Bauch rein, Brust raus. Mode als Militärsprache. Das ergibt in Summe die Vorstellung eines fitten Körpers, der durch keine Gewandung sich verstecken kann. Jede Abweichung von der Idee, die sich in Zahlen 34 oder 36 nennt, wird unerbittlich zur Schau gestellt und damit zum Hässlichen erklärt. Die Hosenfrage operiert an der Schnittstelle Sichtbarkeit/Ahnung und aktualisiert damit eine modische Grundentscheidung. Was wird dem Betrachter visuell ins Auge gesetzt und was wird ihm entzogen, meint, seiner unsicheren Vorstellung überlassen? Das hart gesetzte Zeichen des weiblichen Körpers als Objekt intensiver körperlicher Bearbeitung, das in der Röhrljeans zum Ausdruck kommt, ersetzt die Hüfthose und ihrer flattrige Unbekümmertheit. Beengte Verhältnisse sind ihre Sache nicht, eher das Spiel, die Ahnung, die visuelle Unklarheit. Und setzt damit einen Bedeutungsraum frei, der in kulturelle Subtexte deutet, die verhandeln, was grad Sache ist. Hart oder zart, Hauptsatzreihe oder Satzgefüge, Carnap oder Wittgenstein 2. Mode ist keine Beiläufigkeit, in ihren Erscheinungsformen werden kulturelle Grundbefindlichkeiten ins Sichtbare übersetzt und normbildend durchdekliniert. Hüfte oder Röhre, Busen oder Bauch, das ist nichts, was dem Boulevard überlassen werden darf. Hier wird machtvoll an Körpern operiert, hier wird in Form gebracht, verhandelt, klar gemacht. Und das ist keine harmlose Geschmacksfrage, wie Prinzessinnen gern glauben.

Am sichtbaren Bauch und den sich daran knüpfenden visuellen Folgeerscheinungen kommt, wie ich hoffe, ein Paradigma ins Rutschen, das über Jahre erfolgreich weibliche Körperlichkeit auf das Elementarste beschränkt hat. Die Verbannung des Unklaren aus den Selbstdarstellungsoptionen weiblicher Erotik, die Beschränkung auf den Hardbody, an dem  Titten tanzen, als Vorzeigemodell eines Begehrensprogramms, das eindimensional auf Effektivität setzt, auf „ rasch zur Sache kommen“ und schnelle Rendite, dieses Programm scheint nun ins Wanken zu geraten.

Es ist ein Vergnügen im „cafe lac“ in Agios Nikolaios den vorbeischwebenden Körpern zuzusehen. Und ich schwöre: jeder dritte bauchfrei!

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