Über den Dächern von Kritsa

Wer meint, der berühmte Film mit Grace Kelly und Cary Grant spiele tatsächlich in Nizza, der irrt bedauerlich. Es ist einer der hartnäckigsten Mythen der Filmgeschichte, Nizza wäre irgendwann mal bedeutender Schauplatz eines bedeutenden Filmes gewesen. Tatsache ist, dass das bildhübsche griechische Bergdorf Kritsa die Kulisse bot für den Film, in dem die spätere Prinzessin von Monaco mit langen Beinen und langen Fingern kinematographische Geschichte schrieb. Jeder, der Nizza kennt, weiß, dass die Szenen niemals dort gedreht hätten werden können, während  jeder, der Kritsa kennt, sofort nickt und sagt: Jawohl. Genau hier. „Über den Dächern von Kritsa.“  Nicht zufällig ist der Film eine Diebstahlsgeschichte, um sozusagen als Subtext seine eigentlichen Absichten zur künstlerischen Ausdrucksform zu erklären, auf verächtlich zynische Weise. Im Originaltitel „To catch a thief“ wird das auch ungeschminkt zum Ausdruck gebracht.

Diese diebische Verwechslung der ähnlich klingenden Ortschaften hatte für die eine glorreiche, für die andere verheerende Folge. Während nämlich Nizza vom einfachen Fischerdorf zu einer internationalen Kulturmetropole aufgestiegen ist, ist Kritsa eine Art Ruinenstadt geworden, zumindest an seiner Peripherie. Im Ortszentrum ist es ein einfältiges griechisches Bauerndorf, das von einfältigen Bewohnern einfältig instandgehalten wird.  Mit Häkelware für verblödete Touristen und gutem Olivenöl.  Dieses Schicksal hat Kritsa nicht verdient. Deshalb muss der historische Skandal endlich an die Öffentlichkeit. Und Kritsa endlich zu dem, was es immer schon gewesen ist. Zentrum kinematographischer Gegenwartskultur, Hotspot für mondäne Menschen, Jetset und Abendkleidern, barbusigen Frauen und geldspuckenden Oligarchen. Das hat Kritsa verdient. Und Nizza?  Zurück zum Fischerdorf. Häkelware für verblödete Touristen. Und einem anständigen Rotwein. Und Ruinen.

Kritsa bietet alles, was eine Weltkulturstadt haben muss. Die spektakuläre Lage über der Mirabello-Bucht, die steil aufragenden Felswände, die im Abendlicht glühen wie Magma, die engen Gässchen, in denen es sich flanieren lässt. Und einkaufen, wenn man will. Die großherzige Gastfreundschaft des einheimischen Volkes. Die exklusive kretische Küche. Und eine klangvolle Sprache, Souvlaki, Moussaka, kalimera usw. Kritsa hätte das Zeug zur echten Größe, wenn nicht der historische Fluch von Nizza auf ihm lasten würde. In seinem Zentrum ist die Bedeutung Kritsas noch immer erkennbar, na ja, erahnbar. An seinen Rändern schaut es da schlechter aus. Kritsa hat seine vitalen Kräfte in sein Zentrum verlagert und seine Extremitäten dem Absterben übergeben. Dort dörrt es vor sich hin, bröckelt zusehends und vergreist. An seinen Rändern ist Kritsa eine Art Totenstadt mit Einwohnern, die aussehen wie Zombies. 85 ist dort jugendlich. Strom- und Wasseranschlüsse werden gerade verlegt. Man könnte in ein Zeitloch fallen, 100 Jahre zurück. Das ist aus Kritsa geworden, weil ein Film fälschlicherweise Nizza im Titel trägt. Statt natürlich Kritsa. Man müsste sie sehen, die Dächer von Kitsa. Man kann vom obersten Ende der Stadt bis zum untersten laufen, ohne jemals den Boden berühren zu müssen. So dicht stehen die Dächer. Ideal für Einbrecher. Das gibt’s in Nizza nicht. Da fällt man sofort ins schwarze Loch, keine zwei Dächer weit reichts in Nizza. Ein Witz. Und da sollte der Film gespielt haben? Und was auf den Dächern alles zu finden ist. Badewannen, Bettgestelle, Ölkanister. Alles, was in Kritsa irgendwie bedeutsam ist, wird aufs Dach manövriert. Und mit Steinen beschwert. Riesige Steine, Felsen fast, findet man auf den Dächern von Kritsa. Damit der Wind die wertvollen Dinge nicht wegweht, denn der kann heftig fegen, der Meltimi. Da muss der Stein ran, der harte und schwere. Die Kritsianer haben ein liebevolles Verhältnis zu ihren Dächern, sie stapeln dort ihre Habseligkeiten, damit diese einen schönen Ausblick übers Tal haben, hinunter zum Meer. Und überdies sind alle Dächer miteinander verbunden, mit Strom- und Telefonleitungen fest aneinander gezurrt, damit Kritsa nicht auseinanderbricht, oder wegfliegt  sind alle Häuser fest miteinander verschnürt. Das ist auch was Liebevolles. Ein wenig Bondage, für eine ganze Stadt. Und noch die Antennen. Die sind auch auf den Dächern. Wie bei uns vor hundert Jahren. Riesige Ungetüme mit Auslegern, wie die Raumstation Mir. Es könnten Raumschiffe daran andocken. Die sind natürlich auch wild mit Steinen beschwert. In dem Fall mit Konglomerat, dh. mit Beton zusammengeklebten Steinblöcken, in die die Antennensäule eingelassen ist. Darunter oft antike Amphoren als Sockel. In Kritsa sind die Dächer die Aushängeschilder kultureller Potenz. Damit es da nichts gibt, kein Wackeln und Wedeln. Damit der Empfang gestochen scharf selbst dem Meltimi trotzt. Und das windige griechische Fernsehen in die Wohnzimmer fegt.

Keine 4 km von Kritsa entfernt liegt die antike Ruinenstadt Lato. Als eine Art Mahnmal für Kritsa. Wie es ihm ergehen könnte, wenn sich nicht rasch was mit dem Film ergibt. Lato, viertes vorchristliches Jahrhundert, unter der Erde verschwunden, bis es vor kurzem wieder ausgegraben wurde, sieht nicht viel anders aus als Kritsa. Eigentlich zum Verwechseln. Lato ist Kritsa ohne Dächer.  Denn die sind natürlich unter der Last der Erdmassen, die sich über die Jahrhunderte über Lato hergemacht haben, eingestürzt. Aber sonst, total ähnlich. Verwinkelte Gassen, kleine Häuser, am Hang gebaut. Würde man in der Nacht durch Lato gehen, man könnte es für Kritsa halten. Nur dass dort halt überhaupt niemand mehr wohnt und auch niemand mehr häkelt oder Schnitzereien verkauft. Insofern eine richtige Totenstadt, dieses Lato. Aber ideell nicht weit entfernt von Kritsa. Kritsa, das ist das auf den Weg gebrachte Lato. Ein paar Jahre noch. Dann ist Kritsa auch Lato. An den Randzonen ist es das sowieso schon. An den Rändern sind Lato und Kritsa schon zu einer gemeinsamen Totenstadt zusammengewachsen, so wie bei uns Kirchdorf und Michendorf. Nur halt die nekrophile Version. Und ich habe das Gefühl, dass Lato ein ähnliches Schicksal ereilt hat, wie es Kritsa noch bevorsteht.  Lato-Prato. Geht einem da nicht sofort ein Licht auf? Hat nicht die nordtoskanische Kleinstadt in ihrer antiken Frühzeit ähnliches an Lato verbrochen wie Nizza an Kritsa. Wiederholt sie da Geschichte in böser Absicht? Wird den Griechen nicht generell Unrecht getan? Ich habe den Eindruck, dass eine fatale Linie zu finden ist, die von  Lato, über Kritsa bis zur aktuellen Verschmähung des griechischen Wesens generell führt.  Immer hat man auf unlautere Weise einem anderen den Vorzug gegeben. Prato, Nizza, EU. Schließt doch die EU endlich von Griechenland aus! Über den Dächern von KRITSA. Vergesst Prato.

Im Dörfchen Tertsa, 5 km hinter Mirtos an der Südküste von Kreta, in der Taverne von Jovannis, der übrigens Papayas pflanzt, weil das Klima hier schon tropische Ausmaße erreicht, sitzen 3 ungefähr 40-jährige Griechen an einem Tisch und trinken Mythos. Über Stunden. Dabei machen ihre kommunikativen Äußerungen zunehmend einer gelassenen Stille Platz. Sie sitzen da und reden nicht, blicken ins Bier oder ins Meer. Mehr nicht. Alle paar Stunden blitzt ein Ansatz von einem Gespräch auf, das ich ungefähr folgendermaßen übersetze.

A: Sollten wir nicht…?

B: Hm…

C: Besser nicht.

Die in diesem Gespräch auf den Punkt gebrachte griechische Lebensphilosophie hat wohl wesentlich damit zu tun, dass nicht Kritsa sondern Nizza, nicht Lato sondern Prato und überhaupt ganz Griechenland heute ein Wurmfortsatz, ein Blinddarm genannt wird. Dabei vergisst man, dass dieser Passivismus eine ehrwürdige philosophische Position beschreibt, mehrere eigentlich. Die Stoiker, die Epikureer, sie alle könnten so geredet haben wie die drei Männer in der Bar zu Tertsa heutzutage. Der philosophische Gedanke und das Herumsitzen sind zwei sich ergänzende, bedingende Formen existenzieller Lebensäußerung. Deshalb sitzen in Kritsa alle auch herum und sind für Fragestellungen zugänglich, die einem Stehenden oder Eilendem nie bekömmlich wären. Das griechische „savoir vivre“, um einen eher nizzianischen Ausdruck einzuführen, ist das der Möglichkeitsform. Der klassische Grieche begnügt sich damit, alles Mögliche tun zu KÖNNEN, ohne es jemals tun zu MÜSSEN. Er verweilt gemütlich im Konjunktiv und erfreut sich an der zeitlichen Option der reinen Gegenwart, die alles bietet und noch nichts geschehen lässt. Unendliche Freiheit des Zugriffs auf alles Denkbare, die Freude am Reichtum des Angebots, das man nicht wahrnehmen muss. Schon im klassischen Paradoxon von Zenon wird der Begriff von Zeitlichkeit in Szene gesetzt, der auch heute noch gilt. In Tertsa, Kritsa und Lato zum Beispiel. Warum kann Achill die Schildkröte nie einholen, obwohl er der schnellste Läufer ist?  Es ist verlorene Liebesmüh, setz dich Achill. Resteuropa hat die paradoxen Grundlagen seiner Kultur vergessen und sich dem Schnellstart verschrieben, Herumgesessen wird nicht. Deshalb Nizza, nicht Kritsa.

Kritsa war übrigens schon mal, natürlich neben „Über den Dächern von…“, den Hitchcock 1954 aus strategischen Gründen in Kritsa billig produzieren, aber als Nizza ausgeben ließ, Kritsa also war nach dieser Schmach 1957 Schauplatz eines internationalen Filmes, der bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde und für respektabel Kritiken sorgte. Der etwas reißerische Titel „Der Mann, der sterben muss…“ war eine Verfilmung des Romans von Nikos Kazantzakis, der den Titel „Griechische Passion“ trägt, eine Art moderne Jesusgeschichte in revolutionärem Gewand. So ein Film hat natürlich keine Breitenwirkung, keine internationale. Aber die Kritiken waren gut. Und vor allem für Kritsa als Kulturmetropole eine riesen Chance, nach dem Nizza-Debakel zur verdienten Größe aufzufahren. Was Kritsa vor Nizza auszeichnet sind die schon erwähnten Dächer und die uralten Einwohner. Und ihre verbrauchten Gesichter. Die waren in „Der Mann der sterben muss“ auch ganz wichtig, inhaltlich, für den Film, damit er funktioniert. Ein Kritiker hat geschrieben: „Die Stärke des Films liegt in seiner raffinierten Bildersprache, die menschliche Gesichter zu Landschaften macht, Topographien der Zeitlichkeit. Was müssen die Menschen gelitten haben, um so auszusehen? Die Magie dieses Ortes, sie wird deutlich in den Gesichtern ihrer Bewohner…“ Das hat er geschrieben, der Kritiker. Und meine Nachbarn Anna und Manolis, die waren auch damals schon dabei, als Statisten, bei allen beiden Filmen. Damals waren sie jung, 70 oder 80 und hatten schon die typischen Gesichter, die für Filmemacher voll interessant sind. Heute sind sie 130, glaube ich. Und ihre Gesichter sind noch immer so wie damals, so topographisch. Canyonmäßig, Grand Canyon. Und ich glaube, dass Anna mit ihrem schlohweißem Haar und ihrer knochigen Erscheinung in Alfred Hitchkocks „Psycho“ die Rolle der Mutter übernommen hat. Wie sie so dasitzt im Keller und der Detektiv von hinten ihr an die Schulter tippt und sie dreht sich um und… Das Gesicht ist wirklich alt. Und ich glaube Alfred Hitchcock hat sie bei den Dreharbeiten von „Über den Dächern von Kritsa“ kennengelernt und dann gleich für die Rolle der Mutter in „Psycho“ drei Jahre später verpflichtet. Und alles wieder mal vertuscht. Aber wenn ich heute von der Terrasse links zu Anna hinüberblicke, wie sie in der Dunkelheit ein wenig schräg geneigt und völlig regungslos dasitzt, dann muss ich an Psycho denken und die Mutter im Keller, die genauso dagesessen ist wie Anna heute noch. War auf jeden Fall eine gute Geschichte. Geld hat sie dafür nie gekriegt, genauso um den Ruhm betrogen wie Kritsa als Ganzes. Und eine Ruine geworden. Anna ist knapp über 130, aber es gibt in Kritsa noch ältere Menschen. Man hat den Eindruck, dass die Kritserianer dem Verfall ihrer Stadt was entgegensetzen wollen. Eine Art ewiges Leben, ein trotziges Überlebenwollen, ein immerwährendes  Altsein, eine Selbstmumifizierung. Wie in einem Rex-Glas. Das ist beim ersten Besuch hier etwas unheimlich. Und wenn dann Anna zur späten Stunde in der Gasse sitzt und ein Windhauch ihr weißes Haar bewegt, sie sonst aber völlig regungslos ist, dahinter das ewige Gebell eines durchgeknallten Hundes, dann ist das schon eine recht drastische sinnliche Erfahrung. Und am ersten Abend hatte ich wirklich Gänsehaut. Aber das Herumsitzen, das Bewegungslose und Zurückhaltende wird einem in Kritsa vertraut. Irgendwann sitzt man selber mehr, als man glaubt. Schaut ins Tal oder in die Berge und hat keine Pläne mehr für die Zukunft. Weil eh sowieso alles egal ist. Diese kritserianische Weisheit, der Gleichmut der Unberührbarkeit, die Segnungen der Antriebslosigkeit, das Steinwerden, das alles hat Nizza nicht. Oder Prato, und  Resteuropa.

In Kritsa könnte man großartige Filme drehen, Avantgardfilme, Stummfilme, Zombiefilme, Horrorfilme. Für viele Genres ist Kritsa als Schauplatz gut. Filme in Zeitlupe, in denen alles ganz langsam geht. Dafür ließe sich in Kritsa ein herrliches Festival etablieren. Das Festival des stillstehenden Filmes. Stundenlang können sie dauern, damit das Herumsitzen zur Notwenigkeit wird. Das muss auch gelernt werden, so einfach, wie das aussieht, ist das nicht. Immer kommt einem eine Regung, ein Plan, ein Bedürfnis dazwischen. Das reine Sein zu ertragen, das ist eine hohe Kunst. Im diebischen Nizza hat man das sowieso verlernt und überhaupt im ganzen europäischen Zentralraum. Und irgendwie ist es dann auch gut so, wie es gelaufen ist, dass Nizza jetzt so glitzert an der Cote d`Azur und Kritsa immer noch sein Schläfchen hält, über tausend Jahre schon. Und der irre Hund bellt am obersten Dach der Stadt und Annas schlohweißes Haar weht am Abend im Meltimi. Ewig.

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